Cover Ausgabe 03 | 2012   eMail   Impressum

Umweltschutz

in der neoliberalen Falle

Die globalen Treibhausgasemissionen haben ein neues Allzeithoch erreicht und auch der Ressourcenverbrauch steigt Jahr für Jahr weiter an. Solche Berichte lösen bei vielen Menschen das Gefühl aus, dass unser derzeitiges Wirtschaftssystem nicht mit wichtigen Umweltschutzzielen vereinbar ist. Stimmt dieses Gefühl? Was sind die Tatsachen?
Von Sven Hergovich
Durch die Wirtschaftskrise kommt der Umweltschutz unter Druck. Aber kann nicht mehr Effizienz unsere Umweltprobleme lösen? Tatsächlich gelingt es Jahr für Jahr, effizienter zu produzieren und neue noch umweltfreundlichere Technologien zu entwickeln. Wir brauchen immer weniger Energie, um die gleiche Menge an Wohlstand zu erwirtschaften, was nicht nur ein großer umweltpolitischer Erfolg ist. Damit das effizientere Produzieren von Gütern sich aber auch in tatsächlichen umweltpolitischen Erfolgen niederschlägt, müssen die Effizienzsteigerungen größer ausfallen als die Steigerung der Produktion des jeweiligen Gutes. Nur dann geht auch die tatsächliche Umweltbelastung zurück. In diesem Fall spricht man auch von absoluter Entkoppelung – im Unterschied zur relativen Entkoppelung (Kasten Seite 16).
Gelingt uns eine solche absolute Entkoppelung bereits oder benötigt diese eine Änderung unseres Wirtschaftssystems? Ein Blick in die Statistiken zeigt, dass einigen Ländern zumindest bei manchen Umweltindikatoren eine solche absolute Entkoppelung zu gelingen scheint. So konnte etwa Deutschland seine C02-Emissionen in den letzten Jahren deutlich senken. Dies gilt selbst dann, wenn man den Effekt der aktuellen Wirtschaftskrise und den Effekt der Deindustrialisierung in Ostdeutschland herausrechnet, wie KritikerInnen das fordern. Hierbei wird eingewendet, dass dabei nur Emissionen von in Deutschland produzierten Gütern gemessen werden. Emissionen von in anderen Staaten produzierten, aber in Deutschland konsumierten Produkten werden nicht berücksichtigt. Allerdings gibt es derzeit keinen internationalen Konsens, die Zuordnung der Emissionen nach dem Konsum statt wie bisher nach der Produktion vorzunehmen. Aber Faktum bleibt, dass es Deutschland gelungen ist, insgesamt mehr Güter und Dienstleistungen bereitzustellen und dabei weniger Treibhausgase auszustoßen. Auch Großbritannien hat es trotz Wirtschaftswachstum geschafft, seine C02-Emissionen deutlich zu reduzieren – primär dadurch, dass Kohle- durch Gaskraftwerke ersetzt wurden.
Betrachtet man lokale Umweltprobleme, so lässt sich sogar feststellen, dass diese mit steigender Wirtschaftskraft leichter zu lösen sind. So ist etwa die Wasserqualität des Rheins heute viel besser als noch vor 50 Jahren. Dies liegt daran, dass wohlhabende Staaten über mehr finanzielle Mittel verfügen, die sie eben auch in den Umweltschutz investieren können. Überhaupt konnten gerade im Bereich der Wasserreinhaltung deutliche Fortschritte erzielt werden. Leider ist der Effekt, dass steigender Wohlstand mehr Umweltschutz ermöglicht, nur für lokale Umweltprobleme, wie z. B. die Wasserqualität in Seen, beobachtbar.
Betrachtet man hingegen globale Umweltprobleme, so zeichnet sich ein düstereres Bild ab. So steigen die CO2-Emmissionen weltweit, trotz der beachtlichen Erfolge in Ländern wie Deutschland oder Großbritannien, weiterhin an. Das Umweltprogramm der UNO (UNEP) stellt nach einer weltweiten Betrachtung von 90 umweltpolitischen Ziele fest: Die Lage hat sich nur bei vier Zielen deutlich verbessert, bei 40 gab es einige Verbesserungen, bei 24 kaum bis keinen Fortschritt, acht haben sich sogar verschlechtert und bei 14 konnte mangels Daten keine Aussage getroffen werden.

technischer fortschritt allein ist zu wenig
Bei vielen dieser Probleme zeigt sich, dass technische Innovationen alleine nicht immer ausreichen, um ökologische Probleme zu lösen. Hier kommt der so genannte Rebound-Effekt ins Spiel (Kasten Seite 17). Verbraucht etwa ein neues Gerät aufgrund einer technologischen Innovation deutlich weniger Energie, so kann diese Ersparnis auch dazu genutzt werden, das entsprechende Gerät ausgiebiger zu benutzen. Diese verstärkte Nutzung von energiesparenden Geräten macht aber einen Teil des erhofften Energiespareffektes wieder zunichte. Technologische Lösungen werden immer einen wichtigen Beitrag zu mehr Umweltschutz leisten. Gleichzeitig verlangt die Lösung umweltpolitischer Probleme aber auch flankierende (wirtschafts-)politische Maßnahmen. Dabei muss sichergestellt sein, dass diese nicht zu Lasten der Schwächeren gehen: Diese tragen heute schon die Hauptbelastung der Umweltverschmutzung, während sie zu deren Verursachung kaum etwas beitragen. So leiden finanziell benachteiligte Familien, v.a. die Kinder, etwa besonders häufig an durch Luftverschmutzung ausgelöste Atemwegserkrankungen. Die durch den vom Menschen verursachten Klimawandel vermehrt auftretenden extremen Wetterereignisse machen insbesondere den Ärmsten zu schaffen, z. B. Überschwemmungen in Bangladesch, da diese meist wenig mobil und dem Wetter am schutzlosesten ausgeliefert sind.
Sven Hergovich Bakk. ist Ökonom und Mitarbeiter der Abteilung Umwelt & Verkehr in der AK Wien.
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